Die Nebelreiche

Leseprobe · High Fantasy von R. B. Meyer

Ein Weinbauer, der nie König werden wollte. Ein Schwert, das er fürchtet. Ein Schicksal, das ihn einholt, kaum dass die Lese vorbei ist. Lies hier den Prolog von »Die Nebelreiche« – und hol dir die vollständige Leseprobe mit dem kompletten ersten Kapitel kostenlos als PDF.

Prolog

Der alte König saß auf der Veranda des kleinen Hofes, das Holz der Bank unter ihm war vom Wetter gegerbt und von unzähligen Abenden geglättet. Die Luft roch nach nahendem Regen und den letzten Trauben des Jahres. Unten am Hang glitzerte der See Schwarzwasser im letzten Licht des Tages, sein dunkles Wasser trug die Spiegelung der Berge wie ein uraltes Geheimnis.

Hinter dem See erhoben sich in weiter Ferne die Silhouetten des Nebelreichgebirges, ein schier endloses Bollwerk aus Stein, dessen Gipfel fast immer von grauem Dunst verhüllt waren. Es hieß, die Berge hätten einst die Reiche geeint wie auch entzweit, und dass in ihren Tälern noch immer die Stimmen vergangener Zeiten flüsterten. Auf den Hängen weideten die Tiere der Menschen aus dem Ostreich, in ihren Tiefen schlummerten die Erze, die den Schmieden des Nordens Glanz verliehen, und in den Nebeln sahen die Völker des Südens den Atem der Götter selbst.

Nun aber lag das alles fern, wie eine Geschichte, die man nur noch in Liedern kannte. Am Rande des Sees Schwarzwasser, in den sanften Hügeln, die vom Säuseln der Weinblätter durchzogen waren, lag der kleine Hof, schlicht und unerschütterlich. Zwischen den Reihen von Reben, die sich an den Hängen emporrankten, duftete es nach warmer Erde, nach Harz und nach den letzten Früchten des Sommers. Es war ein Ort, an dem das Summen der Bienen und das Zirpen der Grillen die Zeit zu dehnen schien – eine Abgeschiedenheit, die den König mehr tröstete als alle Mauern.

Ein kleines Mädchen, dessen Haar die Farbe von reifem Weizen hatte, lehnte sich an sein Knie und zeigte auf das dunkle Schwert, das an der Hauswand lehnte, direkt neben dem Eibenholzbogen seiner Großmutter. »Warum lässt du das böse Schwert nicht in der Burg, Großvater? Es macht mir Angst.«

Der König lächelte und strich ihr sanft über das Haar, bevor er die Kleine auf seinen Schoß hob. Sein Blick verlor sich in der Ferne, hin zu den nebelverhangenen Gipfeln.

»Weil es mich daran erinnert, mein Schatz«, sagte er leise, seine Stimme warm und liebevoll. »Es erinnert mich daran, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein zartes Pflänzchen, das man jeden Tag beschützen muss.«

Er drückte sie sanft an sich. »Weißt du, früher dachte ich, das Wichtigste wäre der Frieden dieses Tals. Dieser Geruch von feuchter Erde nach einem Sommerregen? Das war für mich das ganze Glück der Welt. Ich dachte, das Wichtigste im Leben sei es, seine Wurzeln fest in guter, ehrlicher Erde zu haben.«

Er senkte den Blick auf seine Hände, die nun anders waren als die eines reinen Bauern, und ein wehmütiges Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Aber dann musste ich fort. Und auf der langen Reise habe ich gelernt, dass Wurzeln nichts wert sind, wenn der Boden vergiftet ist. Und dass mancher lieber Boshaftigkeit und Furcht sät als eine gute Ernte. Das böse Schwert dort drüben wurde aus diesem Hass geschmiedet.«

Sein Blick wurde wieder klarer, erfüllt von einer ruhigen Stärke.

»Und so habe ich verstanden, was mir heute am wichtigsten ist. Es ist immer noch dasselbe, mein Schatz, nur… größer. Es ist der Boden, aber nicht mehr nur der dieses Hofes, sondern der Boden der drei Reiche, auf dem du und all die anderen Kinder sicher spielen sollt. Es sind die Wurzeln, aber nicht mehr nur die meiner Weinreben, sondern die Wurzeln unserer Völker, ihre Familien und ihre Hoffnung.«

Er hielt inne, als im Haus das Licht einer Kerze entzündet wurde und der vertraute Schatten ihrer Großmutter kurz durch das Fenster huschte.

»Aber all dieser Boden und all diese Wurzeln wären nur kalte, einsame Erde, gäbe es nicht das eine, das allem einen Sinn gibt.« Er tippte ihr sanft auf die Brust. »Ein Herz, das neben deinem schlägt. Und eine Hand, die deine hält, wenn die Nacht am dunkelsten ist. So wie die deiner Mutter, deren Bogen uns öfter gerettet hat als jedes Schwert.«

»Das Wichtigste ist die Erkenntnis, dass nach dem kältesten Winter immer wieder ein Frühling kommt. Und dass man diesen Frühling mit jemandem teilen kann.« Er lächelte. »Und so habe ich gelernt, dass wahre Stärke nicht im Halten einer Krone liegt, sondern darin, nach einem langen, harten Sturm wieder aufzustehen und die Saat für das nächste Jahr auszubringen.«

Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an. »War der Schattenritter ein schlimmer Sturm, Großvater?«

Der König nickte langsam, der Blick wieder auf dem dunklen Schwert an der Wand. »Der schlimmste. Aber weißt du, was sein allererster Kampf war? Der des Mannes, von dem diese Geschichte handelt? Lange davor?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein Großvater.«

»Na dann hör genau zu …«

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Das war erst der Anfang. Barims Reise steht kurz bevor.

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